Die Codetalkers -

Indianersprachen als Geheimwaffen im II. Weltkrieg

Zu Beginn des zweiten Weltkrieges erkannten amerikanische Militärs den Nutzen der Eingeborenensprachen für militärische Zwecke und bildeten Indianer aus den Stämmen der Navahos, Comanche, Choctaw, Hopi und anderen Stämmen zu so genannten Codetalkern aus. Die Codetalker waren eine Elitegruppe von jungen Männern, die ihre jeweilige Stammessprache noch fließend beherrschten. Sie benutzten ihre Sprachkenntnisse in Verbindung mit Geheimcodes, und verwirrten damit die Japaner, die mit Hilfe von englischsprachigen Agenten bis dahin jeden Geheimcode der Amerikaner entschlüsselt hatten. Sie übermittelten die verschlüsselten Botschaften per Telefon und Funkgeräten. Die Bezeichnung Codetalker wird oft mit den Navahos in Verbindung gebracht, weil etwa 400 von ihnen im United States Marine Corps dienten und gegen die Japaner im Pazifik eingesetzt wurden.

Allerdings wurden auch Mitglieder anderer Stämme von anderen Abteilungen des Militärs als Codetalker eingesetzt, obgleich es sich hier um wesentlich kleinere Abteilungen handelte, die für die US Army und für die Air Force vorwiegend in Europa kämpften. Bereits im I. Weltkrieg hatten indianische Codetalker für das amerikanische Militär gegen Deutschland gekämpft. Mit dem Eintritt der USA in den II. Weltkrieg erinnerte man sich ihrer und so wurden im Jahre 1941 in Ft. Benning, Georgia, siebzehn Comanche-Indianer als Codetalker ausgebildet , von denen aber nur 14 auf europäischem Kriegsgebiet eingesetzt wurden.

Comanche - Codetalkers (Ft. Benning/Georgia 1941)

Die Sprachen der nordamerikanischen Ureinwohner eigneten sich aus verschiedenen Gründen hervorragend zur Übermittlung geheimer Nachrichten. Ein Vorteil war, dass indianische Sprachen nur auf dem Gebiet der USA und Kanada gesprochen wurden und sonst nirgends in der Welt zu finden waren. Außerdem existierten über die meisten dieser Sprachen zu der Zeit kaum schriftliche Aufzeichnungen, und wenn, dann handelte es sich um hoch komplizierte wissenschaftliche Abhandlungen, die zwar für ausgebildete Linguisten interessant, für den schnellen Spracherwerb aber nicht zu gebrauchen waren.
Hitler, der im ersten Weltkrieg als Gefreiter auf deutscher Seite gekämpft hatte, erinnerte sich an die eingesetzten Codetalker und beauftragte kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs ein Team von ca. 30 Ethno-Linguisten mit dem Studium nordamerikanischer Indianersprachen. Es stellte sich aber heraus, dass es zu schwierig war all die unterschiedlichen Sprachen und Dialekte innerhalb dieses kurzen Zeitraumes zu erlernen. Zu sehr unterschieden sich die indianischen Sprachen vom Deutschen in Wortschatz, Grammatik und Satzbau. Dennoch kamen auf Grund des deutschen Studienprogramms, welches den Amerikanern bekannt war, nur wenige Codetalker in Europa zum Einsatz.

Es waren eben diese 14 Comanche Codetalker, die vom 4. Infanterie Regiment der US-Army rekrutiert und eingesetzt wurden. Wie bei den Navaho Codetalkern wurde auch die Sprache der Comanche mit Geheimcodes verschlüsselt und waren selbst für einen Comanche nicht gleich zu verstehen. Der Codename, den die Comanchen für Adolf Hitler erfanden lautete: Po'sa Taibo (Crazy White Man = Verrückter Weißer Mann).

Charles Chibitty

Einer der 14 in Deutschland eingesetzten Comanche Codetalkers war der am 20.Juli 2005, im Alter von 83 Jahren verstorbene Charles J. Chibitty. Er war bei der Invasion in der Normandie dabei und kämpfte auch auf deutschem Boden.

Bei einem seiner drei Besuche im Pentagon berichtete er über seine Erfahrungen in der Indianerschule in Lawton, Oklahoma, wo seine Lehrer wütend wurden und ihn bestraften, wenn er die Sprache seines Volkes sprach. Und dann, 20 Jahre später wollte man, dass er seine Sprache benutzte, um Geheimbotschaften des Militärs zu übermitteln.

Die Navaho Codetalkers

Eine Eliteeinheit des United States Marine Corps kämpfte mit Worten einer, für nicht-indianische Ohren, hoch komplizierten fremden Sprache. Es handelte sich um die Codetalker vom Volk der Navaho. Ihr auf ihrer Stammessprache mit chiffrierten Botschaften kombinierter Geheimcode wurde nie gebrochen und bis in die späten 60 ziger Jahre als Militärgeheimnis behandelt. Während des II. Weltkrieges wurden die Navaho Codetalker im Kampf gegen die Japaner im Pazifik eingesetzt

Sehr zum Nachteil für die militärischen Operationen der Amerikaner waren sämtliche ihrer Verschlüsselungen von englischsprachigen Agenten des japanischen Geheimdienstes dechiffriert worden. Im Jahre 1942 hatte der Zivilist und spätere US-Marine Sgt. Philip Johnston die Idee, mit Hilfe der Sprache der Navaho-Indianer einen neuen Geheimcode zu entwickeln. Johnston war der Sohn eines Missionars und im Reservat der Navaho-Indianer aufgewachsen. Er ging zusammen mit Navahokindern zur Schule, spielte mit ihnen und so war er mit Sprache und Kultur dieses Stammes vertraut. Bereits im jungen Alter von neun Jahren hatte er solch erstaunliche Sprachkenntnisse erworben, dass er gebeten wurde zwischen Präsident Theodore Roosevelt und zwei Navahoanführern zu übersetzen.

Sgt. Philip Johnston Okt. 1942

Als Erwachsener ließ er sich in Los Angeles nieder, besuchte aber regelmäßig seine Freunde auf der Navahoreservation. Die Idee, Navaho-Indianer als Nachrichtenübermittler einzusetzen kam ihm nach dem Lesen eines Zeitungsartikels, der über die Versuche berichtete, indianische Sprachen für militärische Zwecke einzusetzen. Sofort an nächsten Tag machte er sich nach Camp Elliot, in der Nähe von San Diego auf und präsentierte seine Idee Lt. Col. James E. Jones. Dieser war anfangs sehr skeptisch, denn frühere Versuche mit Indianersprachen hatten gezeigt, dass diese keine Worte für militärische Begriffe wie Schlachtschiff, Panzer, Kampfflugzeug etc. hatten. Jones befürchtete, dass diese Worte dann in Englisch hinzugefügt werden müssten, wodurch der Code dann leichter zu entschlüsseln wäre. Aber Johnston ließ sich nicht abweisen und kam mit einer anderen Idee. Anstatt englische Worte in die Navahosprache einzuführen, könnte man bereits existierende Worte dieser Sprache mit einer zusätzlichen Bedeutung versehen. So wurden dann später militärspezifische Worte wie Schlachtschiff (= Wal), Panzer (= Schildkröte) und Kampffugzeug (= Kolibri) dann mit Worten aus der Navahosprache kodiert. Als Vorteil sah Johnston, dass im Jahre 1941 die Kenntnisse indianischer Sprachen nur auf das Gebiet der USA beschränkt waren und im Falle der Navaho weniger als 40 Nicht-Navahos diese Sprache beherrschten. Unter diesen befand sich kein einziger Japaner.
Die Navahosprache ist archaisch und naturverbunden. Sie enthielt kaum moderne Worte und blieb Außerstehenden lange Zeit verschlossen. Es war schwer, das komplexe System von Lautmalereien, phonetischen Feinheiten und bildlichen Beschreibungen zu durchschauen. Ein Wort konnte auf Grund unterschiedlicher Betonung oder Klangfarbe ganz verschiedene Bedeutungen haben. Navaho unterschied sich gänzlich von jeder bekannten europäischen oder asiatischen Sprache. Die Wahrscheinlichkeit, diese Sprache zu entschlüsseln war sehr gering, deshalb stimmte das Pentagon schliesslich zu. Man startete mit einem Pilotprojekt, in dem man 30 rekrutierte Navaho unter dem Kommando von Sgt. Philip Johnston in Camp Elliot, Kalifornien zu Codetalkern ausbildete.

 

Navaho - Codetalkers (Camp Elliot/California 1940)

Der Geheimcode der Codetalker und das Navaho Code Talker Dictionary

Der Code, den die Navaho-Funker aus ihrer Sprache entwickelten war einfach und effektiv und basierte auf einer Kombination englischer Buchstaben mit Navahoworten und den zuvor genannten codierten Navahobegriffen aus der Tier - und Pflanzenwelt. Der ursprüngliche Code bestand aus 211 englischen Begriffen, die am häufigsten im militärischen Bereich aufkamen. Es gab Begriffe für militärische Vorgesetzte unterschiedlicher Rangordnung, verschiedene Flugzeuge, Worte für die Monate und ein weiterführendes allgemeines Vokabular. Im Folgenden eine kleine Aufstellung von übersetzten englischen Worten ins Navaho, basierend auf dem uns bekannten Alphabet.

Buchstabe
Englisches Wort
Deutsches Wort

Navaho-Wort (Codetalker-Dictionary)

Navajo Schreibweise
A
ant
Ameise
wollachee
B
bear
Bär
shash
C
cat
Katze
mosi
D
deer
Reh
be
E
elk
Hirsch
dzeh
F
fly
Fliege
tsa-e-donin-ee
G
goat
Ziege
tlizzie
Das Wort "Navy" (Marine) setzte sich z.B. aus den Anfangsbuchstaben folgender übersetzter englischer Worte zusammen: tsah (needle = Nadel), wollachee (ant = Ameise), ah-ki-di-glini (victor = Sieger), und tsa-ah-dscho (yucca = Yuccapalme). Neben dem Gebrauch von Buchstaben wurden aber auch ganze Wörter verwendet. Beispiel: nil-tschi-hal-nehi für Funkgerät, was wörtlich übersetzt etwa "leise singender Tragekasten" bedeutet. Es wurde ein Navaho-Code-Talker-Dictionary entwickelt, welches aber nur zu Studienzwecken innerhalb der Ausbildungsstationen benutzt werden konnte und auf keinen Fall mit ins Feld genommen werden durfte. In der folgenden Tabellen eine kleine Auswahl an Begriffen aus dem Navaho- Code-Talker-Dictionary.
Navaho-Wort
Englisches Wort
Deutsches Wort
Wörtl. Übersetzung
Besh-be-cha-he
German
Deutscher
Eisenhut (Stahlhelm)
Beh-na-ali-tsosie
Japanese
Japaner
Schlitzauge
Hash-kay-gi-na-tah
Commanding Officer
Befehlshabender Offizier
Kriegshäuptling
Ne-as-jah
Observation Plane
Aufklärungsflugzeug
Eule
Ca-lo
Destroyer
Zerstörer
Hai
Besh-lo
Submarine
U-Boot
Eisenfisch
A-ye-shi
Bombs
Bomben
Eier

Vom einzelnen Code Talker wurde erwartet, dass er alle Begriffe auswendig konnte. Der Code war so verschlüsselt, dass selbst ein Navaho, der nicht als Code Talker ausgebildet war, keine Chance hatte ihn zu verstehen.
Ein Beispiel dafür lieferte der ehemalige Kriegsgefangene Sgt. Joe Kieyoomia, der im Jahre 1942 auf den Philippinen in die Hände der Japaner fiel und 3 ½ Jahre in verschiedenen Gefangenlagern verbrachte. Kieyoomia berichtete später über seine Gefangenschaft und sagte er sei gleich zu Anfang gefoltert worden, weil seine Bewacher ihn auf Grund seines Namens für einen japanisch-stämmigen Amerikaner hielten.
"Ich sagte ihnen, ich wäre Navaho", sagte Kieyoomia. (….) "Sie glaubten mir nicht", sagte er und schüttelte den Kopf. "Das Einzige, was sie über Amerikaner wussten war, dass es Schwarze und Weiße gab. Ich glaube sie wussten gar nichts von Indianern."
Nachdem er monatelang wiederholt geschlagen wurde, glaubten ihm die Japaner seine Navahoabstammung, aber die Folter die dann folgte war viel schlimmer.
Zuerst wurde er von zwei japanischen Frauen besucht, die Navahoworte aufschrieben und nach der Bedeutung fragten. Kieyoomia, der nicht als Codetalker ausgebildet war und die Bedeutung der codierten Worte nicht kannte, übersetzte Worte wie Schildkröte und Vogel, denn wie sollte er wissen, das die Schildkröte Panzer oder Vogel Hubschrauber bedeutete.
Was auch immer die Japaner aus ihrem Gefangenen herausprügelten, die Antworten brachten sie keinen Schritt weiter.
Hohe amerikanische Militärs gaben später zu, dass sie die Schlacht um die Insel Iwo Jima niemals ohne die Hilfe der Codetalker gewonnen hätten.

Etwas über 400 Navaho-Indianer wurden in den Jahren von 1942 - 1945 als lebende Chiffriermaschinen eingesetzt. Schätzungsweise 100 von ihnen leben noch. Erst voriges Jahr wurden sie vom amerikanischen US-Senat für ihre Verdienste geehrt. Bis dahin konnten sich viele Amerikaner nicht vorstellen, dass Indianer entscheidend im Kampf gegen die Achsenmächte mitgewirkt hatten.

Karl Kee Crawford (Navaho - Codetalker)

Überlebender Navaho Codetalker

 

 

 

 

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